Adam Fletcher, Make me German (Mach mich zu einem Deutschen)
#1 Adam Fletcher, Make me German (Mach mich zu einem Deutschen)
Adam Fletcher, Make me German (Mach mich zu einem Deutschen)
Ullstein 37559
Ein witziges Buch über die Grundlagen des Deutschseins, wie sie ein Engländer sieht.
Zunächst das Buch an sich:
Vorderseite in Englisch mit dem Titel:
One Ausländer‘s Quest to become the perfect German
Dann kippt man das Buch und hat die Rückseite mit dem Titel:
Wie ich einmal loszog, ein perfekter Deutscher zu werden
Innen ist es genauso: von einer Seite auf Englisch, von der anderen auf Deutsch. Ist sehr interessant, wie der Übersetzer mit dem Text verfahren ist und man kann durch den Vergleich noch mehr Lesespaß herausholen.
Ich werde die hier verwendeten Zitate aus der deutschen Abteilung nehmen, damit sie für alle verständlich sind.
Der Autor fängt damit an, wie er überhaupt nach Deutschland kam, nach Leipzig, und sich voller Enthusiasmus in seine neue Lebenssituation stürzte. Offen für alles und unternehmungslustig stellt er fest, dass er wie ein Kind alles neu lernt: Sprache, Verhalten der Leute, alles ist aufregend. Doch irgendwann beginnt er sich zu integrieren, lernt Deutsch zu verstehen und zu sprechen, aber nur rudimentär und das ärgert ihn und er stellt sich der Herausforderung, ein Deutscher zu werden. Er will
Zitat: “… wissen, was dieses komische Ding namens 'Nationalcharakter‘ ausmacht, das 80 Millionen Menschen miteinander verbindet.“ Zitat Ende
1. Kapitel: Schützenfest
Er wird eingeladen, macht mit und kommt zu folgendem Ergebnis:
Zitat “Man nimmt an einem Schießwettbewerb teil – und wenn man gewinnt, besteht der Preis darin, dass man die anderen ein Jahr lang mit Bier und Schnaps versorgen muss und danach 30000 Euro Schulden hat“ Zitat Ende
Aber bis er darauf kommt, hat er eine Menge skurriler Erlebnisse, denn er versteht einfach vieles von dem Verhalten der Leute nicht oder falsch und hat kaum eine Ahnung, wie er sich selber zu verhalten hat, um nicht aufzufallen.
2. Kapitel: Deutscher Alltag
Da gibt es einiges für ihn zu lernen: Seine Ordnung entspricht absolut nicht der seiner Freundin, mit der er zusammenlebt. Sie klebt ständig Zettel an, z.B. im Bad, dass er die Dusche nach dem Benutzen auswischen soll und dergleichen (aber ich glaube, da haben wir deutschen Frauen mit deutschen Männern auch ein Problem)
Für einen Engländer, sagt er, muss etwas gut aussehen, für einen Deutschen gut funktionieren. Ich kann das hier gar nicht so witzig wiedergeben (bin halt doch eine Deutsche)
Seine Freundin besteht darauf, dass er sich an einem Wochenende voll ins Programm stürzt:
– Hausschuhe kaufen (die er als „potentiellen Beziehungskiller“ bezeichnet),
– Einkaufen mit einer bestimmten Einkaufstasche für bestimmte Dinge,
– Spülmaschine mit System einräumen,
– Wäsche auf eine bestimmte Art und Weise aufhängen,
– Tisch richtig abwischen und nicht
Zitat „eine sinnlose Wellness-Massage für Schmutz“ draus machen,
– Kartoffelsalat nach altem Familienrezept (wer von uns nickt da nicht mit dem Kopf?),
– Keller aufräumen (immer wieder),
– Fahrrad putzen, Auto waschen,
– mit Freunden grillen,
- bei einer Wandergruppe mitlatschen,
– nachmittags Kaffee (nicht Tee) trinken und Kuchen essen, was einem Ritual entspricht und
Zitat: „wichtiger Teil der deutschen Entspannungskultur“ ist,
– Listen machen, Speiseplan erstellen und daraus resultierend effizient einkaufen,
– Tatort anschauen
Wer von uns erwischt sich nicht??? Tja, wir sind halt Deutsche …
Wenn ihr wollt, kann ich mit weiteren Kapiteln fortfahren.
Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass der Autor sich an keiner Stelle im Buch über die Deutschen lustig macht. Eher so, dass er sich selber als Engländer mit Humor sieht, weil er es nicht auf die Reihe bekommt, so zu sein wie ein Deutscher, denn er will sich ja unbedingt integrieren, wenn er schon mal hier lebt (zur Zeit der Buch-Handlung in Berlin Kreuzberg).
Wer selber Humor hat, findet sich und muss darüber schmunzeln, wie exakt der Finger auf die typischen Stellen gelegt wird. ![]()
Stell mir das Buch sehr lustig vor, obwohl es aus Sicht eines Ausländers sicher nicht immer einfach ist uns Deutsche zu verstehen. ![]()
Aber umgekehrt könnte man genau so ein Buch über Engländer schreiben.
Schon allein das eine Tasse Tee ein Allheilmittel ist, was immer passiert, gut oder schlecht, Tee muß her. ![]()
FORTSETZUNG
3. Kapitel: Das deutsche Fernsehen
Fletcher meint, um eine Nation verstehen zu können, muss man ihr Fernsehen studieren. Da er kaum etwas vom deutschen Fernsehen kennt, macht er sich einen Plan: Sieben Tage hintereinander jeweils zehn Stunden fernsehen. Ein Job, den es zu erledigen gilt, wenn er in die Tiefen des Nationalcharakters eindringen will.
Er ist schon nach 2 Stunden völlig verstört. Denn die sog. scripted reality shows (Verklag mich doch, Frauentausch, Family Stories usw.) sind 99% drehbuchmäßig vorgegeben, das 1% Realität ist seiner Meinung nach damit abgedeckt, dass Menschen drin vorkommen.
Er schaut und schaut, seine Freundin kommt ab und zu rein, setzt sich zu ihm, geht aber nach ein paar Minuten wieder mit den Worten Zitat: „Arme Sau!“
In ironischem Tonfall zerpflückt er einige der Sendungen, für den Leser eine Schmunzelorgie.
Zu GZSZ schreibt er z.B. Zitat: „Mir war vorher nicht klar, wie schlimm schöne Menschen eigentlich dran sind. Nur Probleme! Von nun an werde ich so viel netter zu schönen Menschen sein, weil ich jetzt weiß, welche Last sie von Geburt an mit sich herumtragen.“
Ein Freund weist ihn darauf hin, dass man zum Fernsehen auch ein oder zwei Bierchen braucht …
Am Ende dieses Kapitels fasst er 7 Gebote des deutschen Fernsehens zusammen (Zitate in Anführungszeichen)
1. „Du sollst nicht Arte schauen“ (alle behaupten, es zu tun, aber in Wirklichkeit tut es keiner)
2. „Du sollst nicht erkennen, dass das Fernsehen das Fernsehen ist“ (deutsches Fernsehen tut so, als sei es das wahre Leben)
3. Du sollst Denglisch talken“ (Zu viele englische Wörter in der Fernsehsprache, obwohl es gute deutsche Wörter gibt; es regt ihn furchtbar auf)
4. „Du sollst Dialektpassagen untertiteln“ (Er sieht es als grobe Unhöflichkeit, denn es vermittelt, dass der Dialektsprecher kein ordentliches Deutsch spricht)
5. „Du sollst Hände schütteln“ (er schlägt vor mal zu beobachten, in welcher Sendung eine Viertelstunde lang niemand einem anderen die Hand schüttelt)
6. Du sollst regional senden“ (über die Gewichtung der Inhalte in Lokalsender-Sendungen schüttelt er den Kopf: z.B. wird eine halbe Stunde lang über Schmierereien an einer Kirchenwand berichtet … )
7. „Du sollst deines Volkes Laster verbergen“ (die Sendungen spät nachts entsprechen einem einzigen, langen „Werbespot für Tabak und Alkohol – nur ab und zu unterbrochen durch ein bisschen Handlung.“)
4. Kapitel: Deutsche Bürokratie
Seine Erfahrungen entsprechen den unseren, da braucht man keinen Engländer, um sich die Mängel zu vergegenwärtigen. Es ist die Art und Weise, wie er darüber schreibt, die es lesenswert macht.
Beispiel: Er hat eine Internetfirma, die nichts abwirft. Er bekommt aber trotzdem ständig Rechnungen von der IHK, der GEZ usw., in denen Geld verlangt wird für Leistungen, die nie erbracht wurden, die sie aber Zitat „erbracht hätten, wenn ich danach gefragt hätte. Hatte ich aber nicht. Stellt euch vor, ihr lauft an einem Restaurant vorbei und ein Kellner kommt rausgerannt und drückt euch eine Rechnung über zwei Euro in die Hand. Ihr würdet vermutlich sagen, dass ihr weder was bestellt noch verzehrt habt. Worauf er antworten würde: 'Hätten Sie aber können. Wir standen da drin bereit, all Ihre Wünsche zu erfüllen. Und es ist sowieso Vorschrift, dass Sie zahlen. Macht zwei Euro bitte.‘ So funktioniert Selbständigkeit in Deutschland.“ Zitat Ende
Dann beschreibt er den Besuch beim Notar, weil er die Firma auflösen möchte. Er braucht einen Schein, eine Bescheinigung, eine Schein-Bestätigung usw. Es läuft genau so ab, wie wir das kennen, nur nimmt er es mit Humor.
Kapitel 5: Mitfahrgelegenheit und Deutsche Bahn
Der Deutsche hasst die Deutsche Bahn und sie zu kritisieren ist Zitat „ein beliebter Zeitvertreib der Deutschen“. Deshalb gibt es das Mitfahrgelegenheits-Portal im Internet. Eine feine Sache, eine „deutsche Erfolgsgeschichte“, aber man weiß ja nie, bei wem man mitfahren muss.
Er beschließt, eine Woche lang jeden Tag per MfG in irgendeine Stadt zu reisen. Wie erwartet hat er auf diesen Fahrten merkwürdige, lustige, auch anstrengende und nicht so ganz witzige Erlebnisse und ist der Deutschen Bahn am Ende doch recht zugetan.
Kapitel 6: Pauschalurlaub auf Mallorca
da fliegen wir morgen hin ![]()
FORTSETZUNG
Kapitel 6: Pauschalurlaub auf Mallorca
Weil er „das Deutscheste kennenlernen [will], das es außerhalb Deutschlands gibt“ bucht er für sich und seine Freundin ein 3*Hotel in der Nähe des Ballermann, weil es „voll mit besoffenen Deutschen ist“, was er aus seinen Recherchen im Internet entnommen hat.
Die Erfahrungen beschreibt seine Freundin folgendermaßen: „Selbst wenn ich mir den typischen deutschen Pauschaltourist hätte backen können – was Besseres als diese Truppe hätte ich nicht hingekriegt. Sie bestätigen einfach jedes Klischee über Deutsche auf Mallorca.“
Er beschreibt anschließend ihre Erlebnisse, aber die Aussage seiner Freundin fasst alles zusammen, wenn man die Klischees kennt.
Seine „6 goldenen Regeln für deutsche Urlauber“ (Zitate in Anführungszeichen)
1. „Folge deinem Animateur“ (und wenn der keine Toilettenexkursion anbietet, dann geht man halt nicht)
2. „Tu so, als seist du gar kein Deutscher“ (was im skurrilsten Fall darauf hinausläuft, dass sich Deutsche, die andere Deutsche im Urlaub kennen lernen, mit diesen auf Englisch unterhalten)
3. „Sag ja zur Gürteltasche“ (Gürteltaschen sind eigentlich nicht mehr modern, aber „Ihr Deutschen habt so Recht damit, das Diktat der Mode zu ignorieren! Bleibt stark und haltet durch – auch wenn ihr ganz allein steht!“)
4. „Trink Bier zum Frühstück“ (die Touristen bestellen sich zum Frühstück ein Bier, „um zu zeigen, wie wenig ihnen die Feierei der vergangenen Nacht ausgemacht hat“; da muss ich ihm widersprechen, denn jeder weiß, womit man aufgehört hat, damit muss man am nächsten Tag gleich wieder anfangen, das vertreibt den Kater, der ja eigentlich nur eine Entzugserscheinung ist)
5. „Fotografiere wie ein Weltmeister“ (und lösche auf keinen Fall auch nicht das 100ste Foto vom selben Motiv, deine Freunde und Verwandten zu Hause werden es dir bei der nächsten Vorführung von Urlaubsfotos danken)
6. „Beschwer dich!“ (Er findet nichts zu beschweren, aber die deutschen Urlauber tun es trotzdem ständig; sie haben die „Frankfurter Tabelle“, „eine Liste möglicher Reklamationsgründe für Pauschalurlauber inclusive des prozentualen Rückforderungsanteils vom Reisepreis. Offenbar druckt Bild diese Liste jedes Jahr ab – zum ausschneiden und Mitnehmen.“
Meine Anmerkungen dazu: Er hat nicht bemerkt, dass man die Deutschen am Strand sofort an den Sonnenmilch-Flaschen von Aldi erkennt und die in der Stadt an Birkenstock mit weißen Frotteesocken ![]()
Kapitel 7: Nordic Walking
Es scheint wichtig für die Deutschen zu sein, da mehr als 2 Millionen Menschen es regelmäßig machen. Fletcher bezeichnet es als “Spazierengehen mit überflüssigem Handicap“. Er versteht nur nicht, warum es Nordic Walking und nicht German Walking heißt, denn „Nordic Walking bietet den idealen Dreiklang deutscher Leidenschaften: zum einen Wandern, zum zweiten das Optimieren eines Prozesses und zum dritten: Spezialausrüstung.“
Er bucht einen Kurs während seines Mallorcaurlaubs und findet heraus, dass es „definitiv mehr ist als Spazierengehen mit Stöcken. Man braucht viel Koordination – jedenfalls, wenn man es richtig machen will.“
Kapitel 8: Schlager
Er bezeichnet sie als „Kitschgedudel für Greise“ und „musikalischen Schrottplatz für übertrieben sentimentale Popsongs“, sagt, jeder kann Schlager und wettet mit einem Freund, dass es für ihn ein Leichtes sei, einen Schlager zu produzieren. Als Lehrstunde schaut er sich den Musikantenstadl mit Andi Borg an, diese „rasende folkloristische Freakshow in einer gefakten Skihüttenkulisse“.
Fletcher spannt einen Freund ein, der ein Heimstudio hat und dort produzieren die beiden dann einen Schlager nach dem Modell der Songs von DJ Ötzi. Sie analysieren und legen los, allerdings verliert Fletcher die Wette, weil er kaum einen nachweisbaren Beitrag geleistet hat.
Die 4 Phasen einer Schlagerparty wären:
1. Heimatschlager mit „Sehnsuchtsebene“, sie besingen Naturbilder, aber ohne Liebes-Vokabular, mit Hörnern, Flöten, Jodeln.
2. Schunkelschlager, die für Körperkontakt sorgen und die Leute aus der Reserve locken.
3. Tanzschlager: „Die zunehmend unkoordinierten Schunkelbewegungen werden allmählich abgelöst durch entfesseltes Gehopse auf Tischen und Bänken. [… Sie] werden der Tatsache gerecht, dass das zunehmend betrunkene Publikum komplexeren Texten nicht mehr folgen kann. Deshalb steigt der Anteil der Uuuuhs und Aaaahs“.
4. Liebesschlager: „die letzte Chance, nicht allein nach Hause zu gehen“, langsam, voller Gefühl, Streicher, Orchester und „darüber die Stimme eines einsamen Wolfs, der das ewige Lied der Sehnsucht jault.“
Letztes Kapitel: „Der Teil, den man üblicherweise Schluss nennt“
Er merkt, dass „Integration kein Projekt ist, das man jemals abschließen könnte“. Er ist kein perfekter Deutscher geworden, aber er hat einiges dazugelernt: Eine zweite Sprache, sparen und Geld einteilen, er ist „produktiver und effizienter als früher“, er bekommt ein schlechtes Gewissen, wenn er „einen Sommertag im Park verbringt statt zu arbeiten, er zieht nicht mehr jedes Jahr um, er ist ein „besserer, respektvollerer und zivilisierterer Zeitgenosse“ geworden. Seine eigenen Worte und damit streicht er am Schluss des Buches natürlich Honig ums Maul derer, die sich auf den Schlips getreten fühlten, weil sie seinen englischen Humor nicht verstehen.
Ich bin mir sicher, ich habe auch einiges über die typisch deutsche Eigenart des Klugscheißens gelesen, finde das aber in der deutschen Abteilung des Buches im Moment nicht mehr. Muss die englische nochmals durchgehen und wehe, der Übersetzer hat das weggelassen ![]()
Greta
(
gelöscht
)
#15 RE: Adam Fletcher, Make me German (Mach mich zu einem Deutschen)
Greta
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gelöscht
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